FRANKFURTER RUNDSCHAU
11. SEPTEMBER 2007
Papstwitz und Moralpredigt
Joachim Schlömer und Etienne Abelin versuchen in Luzern "A Clear View of Heaven"
Bretter liegen auf dem Boden, Notenständer stehen auf dem Tisch. Die Bühne im kleinen Saal des Kultur- und Kongresszentrums Luzern ist nach allen Seiten offen. Kein Bühnenraum ist zu sehen, sondern eine Art Werkstatt. [...]
"A Clear View of Heaven" wählte das amerikanische Magazin "Life" als Überschrift über einen Artikel, der sich mit der von 1980 bis 1994 dauernden Restaurierung der Sixtinischen Kapelle beschäftigt und von den neuen, leuchtenden Farben der Fresken Michelangelos schwärmt. "A Clear View of Heaven" ist auch der Titel des beim Lucerne Festival uraufgeführten Musiktheaters [...] Die kontroverse Diskussion, die um die neue Farbigkeit der Sixtinischen Kapelle geführt wurde, nimmt Schlömer gemeinsam mit dem musikalischen Leiter Etienne Abelin zum Anlass, grundsätzliche Fragen zur Kunstrezeption zu stellen: Gibt es ein Original, das über die Jahrhunderte hinweg rekonstruiert werden soll? Oder müssen die darüber liegenden Zeitschichten bei der Rezeption mit berücksichtigt werden?
Die beiden unterschiedlichen ästhetischen Positionen sind in Luzern durch zwei Personen vertreten. Markus Merz spielt den Chefrestaurator Gianluigi Colalucci als selbstbewussten Kunstexperten. Er doziert über die Ingredienzen seiner Lösungsmittel, setzt Farbtafeln zusammen und erklärt kunsthistorische Details. Maria Kwiatkowsky ist der quirlige Gegenpol zum saturierten Restaurator. Sie schwärmt von den Ruß- und Zeitspuren der Fresken und ihrer gedämpften, unaufdringlichen Farbigkeit, turnt auf den Gerüsten herum (Bühne: Nadia Fistarol) und legt ein virtuoses Tänzchen hin, während auf die Leinwand, die sie hält, Bilder der Sixtinischen Kapelle projiziert werden.
Die Positionen der Schauspieler wechseln so schnell wie die Stilebenen in dieser Textcollage aus Briefen Michelangelos, Zitaten Colaluccis und Texten Joachim Schlömers. Auf einen Papstwitz folgt eine kunstgeschichtliche Moralpredigt, das musikalische Ensemble schickt der Restaurator mit einem kurzen "Ihr seid jetzt fertig" von der Bühne. Die Videoprojektionen von Bill Morrisson bilden eine zusätzliche Ebene von Verfremdung, Neuerung und Verfall.
Auch die Musik hat diese Beweglichkeit, und das nicht nur, weil ständig neue Formationen gebildet werden und der Cellist Matthias Kuhn im Stehen spielt. Ein Barockensemble mit der Mezzosopranistin Marisa Martins trifft auf die norwegische Popsängerin Ane Brun, die von einer Rockband begleitet wird. Aber nur zu Beginn sind die Welten getrennt. Giuliano Carmignola spielt die vertrackten Verzierungen von Nicola Matteis' "Aria burlesca con molte bizzarrie" mit Leichtigkeit, das Basler "Matteis Project Ensemble" um den Geiger Etienne Abelin begleitet transparent und ausdrucksstark. Auch Martins Interpretation von Monteverdis Madrigal "Quel Sguardo Sdegnosetto" erklingt wie aus dem Schulbuch der historischen Aufführungspraxis - die ästhetische Position des Restaurators wird in Musik gesetzt.
Aber schon bei Ane Bruns Auftritt vermischen sich die Ebenen. Ihre Bearbeitung von Didos Arie "When I am Laid in Earth" entfernt sich ganz von Purcells Notentext, behält aber die tiefe Melancholie der Vorlage. Das Cello-Ostinato wird zu einer sich stets wiederholenden Akkordfolge auf der akustischen Gitarre - eindrucksvoll und stimmig begegnen sich hier Barock und Pop. Diese musikalische Durchdringung intensiviert sich im Laufe des Abends, ehe am Ende beim Wettstreit zwischen der Barockvioline von Julia Schröder und der E-Geige von Etienne Abelin die Popfraktion gewinnt. Hämmernde Beats aus den Lautsprechern werden vom Schlagzeuger Florian Arbenz übernommen.
Die vorsichtige, über weite Strecken spannende Annäherung mündet auf der Tanzfläche [...]
Georg Rudiger
