NEUE ZÜRCHER ZEITUNG
11. SEPTEMBER 2007
Zwischen Barock und Pop:
Uraufführung von Joachim Schlömers «A Clear View of Heaven»
Es gibt eine grosse Diskrepanz zwischen den notierten Kompositionen des italienischen Barockkomponisten und -violinisten Nicola Matteis und den zeitgenössischen Berichten über seine exzentrischen Konzerte, welche in England alle bewegt haben. Wie wären seine Noten heute zu übersetzen? Oder: Während der vierzehnjährigen Restauration der Michelangelo-Deckengemälde in der Sixtinischen Kapelle in Rom sind alle Spuren abgetragen worden, die Jahrhunderte angelagert hatten. Leuchtende Farben kamen zum Vorschein, die das Michelangelo-Bild der Kunstwissenschaft revidierten. Doch was ist gültig, heute? Das restaurierte, fremd gewordene «Original» oder das vertraute, russverschleierte Bild, das einen Vergangenheit und Vergänglichkeit spüren lässt? Funktioniert ein Lied von Henry Purcell als Pop-Song? Verfall und Erneuerung: Das ist ein Thema, dem Zündstoff abzugewinnen ist. Der Regisseur Joachim Schlömer, die Dramaturgin Bettina Auer und der zwischen Stilgrenzen lavierende Musiker Etienne Abelin haben sich das Thema vorgenommen und mit «A Clear View of Heaven» eine musiktheatralische Recherche gestaltet, die bei Lucerne Festival im Luzerner Saal des KKL uraufgeführt worden ist.
Es treten darin auf: Gianluigi Colalucci (der Schauspieler Markus Merz), begeistert dozierender Chefrestaurator der Sixtina, und als seine Gegenspielerin die hervorragende Schauspielerin Maria Kwiatkowsky, die den verlorenen Zeit-Schichten nachtrauert. Konfliktstoff also. Dann ein von Giorgio Paronuzzi geleitetes Barockmusik-Ensemble, eine Jazz-Rock-Band, die wunderbare Barocksängerin Marisa Martins als Assistentin Colaluccis, die norwegische Popsängerin Ane Brun als Alter Ego der Gegenspielerin, der Elektroniker Thomas Jeker, der die Klänge durch den Laptop-Fleischwolf dreht. Es gibt ästhetisch perfekte Videoprojektionen des amerikanischen Videokünstlers Bill Morrison, ein gerüstartiges Bühnenbild, Spaghetti und Rotwein ... Viele Ebenen also. Viel toll gespielte Musik - italienisches und englisches Frühbarock, Pop-Songs, Jazz, Dance. [...]
Alfred Zimmerlin
