BASLER ZEITUNG
14. SEPTEMBER 2007
Das Cello schrieb mit - «A Clear View Of Heaven» und «Rahel und Pauline» in Luzern
Zwei Musiktheaterwerke hatten am Lucerne Festival Uraufführung. Oper wollen beide nicht heissen, sondern «Intervention» und «Briefszenen». Spannend. Zuerst ins KKL, wo Joachim Schlömer und Etienne Abelin eine popbarocke musiktheatrale Intervention mit dem Titel «A Clear View Of Heaven» versprachen. Klare Sicht auf Michelangelos Sixtina-Fresken erbrachte eine 1994 abgeschlossene Restauration. Frei vom Kerzenruss kamen so leuchtende Farben zum Vorschein und eine Diskussion über den Sinn von Restauration, wenn dabei unsere Vorstellungen von einem Kunstwerk völlig verändert werden. Ist es nicht auch so in der Musik? Das fragte sich Abelin, als er auf einen unbekannten Geigenvirtuosen stiess, Nicola Matteis, der um 1670 die Massen zum Rasen brachte, aber der Nachwelt nur unvollständige Noten überliess. Sollte man nach Wissen und Gewissen der Aufführungspraxis diese Musik restaurieren? Oder besser mit modernen Mitteln den alten Glanz und Groove wiederherstellen? Eine Barockmusiktruppe, eine Jazzband, moderne Samples, eine Barock- und Jazzsängerin (Marisa Martins und Ane Brun) - der Aufwand war gross. Und mündete nach spielerischen Kombinationsversuchen in ein fröhliches Zusammenspiel bei Wein und Spaghetti. Die Frage, was besser sei - restaurieren oder renovieren - wurde nicht beantwortet. Gemäss dem Thema durchmischten und überlagerten sich in der Inszenierung Ideen, Theorien, Bilder. Es gab Papstwitze und den Vergleich des Gehirns mit einem Palimpsest, einen manischen Michelangelo (Maria Kwiatkowsky) und einen Restaurator (Markus Merz), für den Kunst Basis ist für klärende Säuren. Und immer wieder frappierende Momente blitzartiger Klarheit. Ein freundlich lautes Fest der Vergegenwärtigung und des Erinnerns. [...]
Benjamin Herzog
