TAGESANZEIGER ZÜRICH
10. SEPTEMBER 2007
Musik, so schillernd, so fremd und vertraut wie ein Traum
Zwischen Barock und Pop: Ein Musiktheater mit dem Choreografen Joachim Schlömer sucht am Lucerne Festival nach neuen Wegen.
Was ist Patina? Dreck, sagten sich vor einigen Jahren die Restauratoren der Sixtinischen Kapelle, und im Luzerner Saal wiederholt es in ihrem Namen der Schauspieler Markus Merz. Geschichte, meint dagegen seine Gegenspielerin Maria Kwiatkowsky als weiblicher Michelangelo. Während er von der «Befreiung der Farben» schwärmt, vom knalligen Blau, dem leuchtenden Gelb, das freigeputzt werden konnte, plädiert sie für den dunklen Schleier, den sich die Fresken auf ihrem Weg in die Gegenwart zugelegt hatten. Sie streiten am Leuchtpult, auf Malgerüsten, vor künstlich auf alt getrimmten Filmaufnahmen der Gemälde - und zwischen Musikerinnen und Musikern, die den Disput auf ihre Weise fortsetzen. Auch unter ihnen gibt es die Restauratoren, die Verfechter einer historischen Aufführungspraxis, die das Original suchen: Freiwaschung der Klangfarben mit Darmsaiten statt Spezialwässerchen. Und es gibt die Vertreter einer sich verändernden Kunst, die barocken Erbschaften in heutigen Stilen nachspüren. Dies ist die Spielanordnung eines Stücks, das der Regisseur und Choreograf Joachim Schlömer zusammen mit dem Schweizer Geiger Etienne Abelin und dem Filmer Bill Morrison für eine einzige Aufführung am Lucerne Festival entwickelt hat. «A Clear View of Heaven» heisst es, im Untertitel ist von einer «popbarocken musiktheatralen Intervention» die Rede, auch der Begriff «Baroque Re-Imagined» fällt. Das klingt nach viel Kopfarbeit. Zu viel vielleicht. Denn natürlich hinkt der Vergleich zwischen Kunst und Musik. Das musikalische «Original» existierte im Unterschied zu Michelangelos Fresken schon zu barocken Zeiten nicht - das zeigt gerade jener vergessene Geiger Nicola Matteis, der im Zentrum des Luzerner Experiments steht und seine Virtuosenstücke nur sehr rudimentär notiert hat. Und das wissen auch die Barockspezialisten, die nach dogmatischen Anfängen die historischen Instrumente und Quellen längst dazu nutzen, alte Musik für heutige Ohren attraktiv zu machen. Das wiederum ist der Grund dafür, dass die Musik sich an diesem Abend gegen den theoretischen Überbau durchsetzt - und wie. Schon die rein barocke Eröffnung mit Stargast Giuliano Carmignola hat wenig mit Archäologie und viel mit Neugierde zu tun. Und diese wächst, je mehr sich im Laufe des Abends die Grenzen verwischen. Da mischt sich der Klang der Theorbe mit jenem des E-Basses, und es funktioniert wie die übrigen instrumentalen Fusionen erstaunlich gut (solange das Schlagzeug nicht alle an die Wand drängt). Die Barocksängerin Marisa Martins lässt sich von der E-Gitarre begleiten, während die norwegische Songwriterin Ane Brun barocke Motive in eine Musik übersetzt, die gar nicht weit entfernt ist von real existierendem skandinavischem Pop. Und irgendwann treffen die beiden Stimmen auch direkt aufeinander; Martins' raffinierte Triller überlagern sich mit Bruns melancholisch verhangenem Timbre, aus «un breve sogno» wird «a brief dream», und so schillernd, so fremd und vertraut wie ein Traum klingt es auch. Hier zeigt sich die Qualität der Arrangements. Etienne Abelin weiss mit Instrumenten und Genres umzugehen, und er hat als hervorragender Geiger, der auch in Claudio Abbados Lucerne Festival Orchestra sitzt, ebenso virtuose Kollegen versammelt. Mit Lust und Fantasie und Stilkenntnis wird hier musiziert [...] Patina? Sollen die doch diskutieren in der Sixtinischen Kapelle. Die Musik klingt derweil nach, die eine wie die andere und die eine mit der anderen.
Susanne Kübler
