AARGAUER ZEITUNG
11. SEPTEMBER 2007
Die Suche nach dem Wahren in der Kunst
Erzählten uns die Dreckschichten, die Michelangelos Gemälde in der Sixtinischen Kapelle im Vatikan verdunkelt haben, von 500 Jahren Kunstgeschichte? Oder verdecken sie nicht vielmehr den wahren Charakter des Werks, das nun wieder in den ursprünglichen leuchtenden Farben erstrahlt? Fragen über Verfall und Erneuerung in der Kunst sind Ausgangspunkt von A Clear View of Heaven, der popbarocken musiktheatralen Intervention von Regisseur Joachim Schlömer, dem Basler Violinisten Etienne Abelin (auch Mitglied des Lucerne Festival Orchestra) und dem Filmer Bill Morrison. Das Projekt wurde am Lucerne Festival uraufgeführt. Der Schauspieler Markus Merz mimt in der von Schlömer erstellten Textcollage den Chefrestaurator Gianluigi Collalucci, der sich aus Begeisterung über die wieder leuchtenden Farben in einen Rausch redet. Maria Kwiatowsky spielt den Gegenpart. Sie wendet ein, Erinnerung und Zauber der Kunst gingen verloren, wenn man die Patina abkratze. Einen spannenden Beitrag zum theatralisch ausgetragenen Diskurs lieferte Morrison. Sein Video machte steten Verfall und Erneuerung ausgehend von Michelangelo in künstlerisch überzeugender Weise sichtbar.
Der Diskurs wurde gleichzeitig auf musikalischer Ebene geführt. Ist die historisch informierte Aufführungspraxis bloss eine Restauration? Könnte man den Kern der Barockmusik -die Affekte- nicht in heutige Formate wie Rock oder Folk überführen? Abelins ausgezeichnetes Barock-Ensemble von «The Matteis Project» und der packend aufspielende Gast-Violinist Giuliano Carmignola gaben eine klare Antwort. In einem Werk des neapolitanischen Geigers und Komponisten Nicola Matteis (ca. 1650-1714) liessen sie uns schon zu Beginn hören, wie lebendig Barockmusik auch heute ist. Ebenso tat dies die grossartige Marisa Martins mit ihrem Gesang in Monteverdi- und D'India-Stücken: Er berührte direkt, ging unter die Haut. [...] Schlömers neue Arbeit ist als Reflexion über Kunst ein spannender Theaterversuch, in dem vieles zu hinterfragen ist. [...]
Christian Fluri
