gedanken

von Joachim Schlömer,

Regisseur

Gedanken über das Klangprojekt // 2

Im Klangprojekt A Clear View of Heaven treffen sich Musiker mit modernen und Barockinstrumenten um Etienne Abelin, der Videokünstler Bill Morrison, die Barocksängerin Marisa Martins, die Popsängerin Ane Brun sowie ein Schauspieler, um sich Fragen unserer Herkunft zu stellen. Das Klangprojekt ist ein Kongress, der am Beispiel der Sixtinischen Kapelle über den Restaurationsprozess nachdenkt und den Wert unserer Erinnerung hinterfragt.

Alte und neue Musik überkreuzen sich unmerklich auf einer Zeitschiene von der  Vergangenheit in die Moderne und umgekehrt, Texte wenden sich von restaurativen Betrachtungen zu visionären Entwürfen, Bild zerfällt - altes und neues oder gar in der Zukunft liegendes. Zeiten durchmischen sich und der Wert unserer Erinnerung wird in Frage gestellt.

Können wir etwas über uns erfahren wenn wir etwas restaurieren, wenn etwas freigelegt, verschönert, erhellt wird oder verschwimmt das eigene Bild unserer Vergangenheit dadurch eher noch mehr?

Verfall und Erneuerung, Wiederhervorholen: wie eine alte verfallene Fotografie der Eltern auf der wir unsere ganze Kindheit in einem Moment wiederentdecken. Müssen wir Verfall zulassen oder entgegenarbeiten? Oder gibt es einen dritten Weg, ein Erneuern und Umarbeiten zum Palimpsest: einer alten Gestalt, von der die oberste Schicht abgeschabt und eine neue darüber geschrieben wird, aber so, dass die ursprüngliche noch schemenhaft darunter zu erkennen ist?

Wie sieht Verfall im digitalen Zeitalter aus? Gibt es ein allmähliches Verwittern noch oder schwankt Erinnerung nicht vielmehr zwischen vollständiger Präsenz und schwarzem Loch, dem digitalen Absturz?

Jede musikalische Aufführung ist eine Erneuerung. Wo Traditionen fehlen, wie etwa in der Alten Musik, spielen Fragen nach Restauration und Aktualisierung eine besonders dringende Rolle. Genügt es, Barockmusik gemäss der historisch informierten Musikpraxis zu spielen und zu singen? Lässt sich der Geist dieser Musik mit den modernen Mitteln, elektrisch verstärkten Instrumenten und Popgesang, heute vielleicht besser transportieren? Und was passiert, wenn Alte Musik mit elektronischen Mitteln statt aktualisiert einem weiteren Zerfall preisgegeben wird?

Mit diesen und weiteren Fragen und möglichen Antworten beschäftigt sich das Klangprojekt.

Barockmusik von Claudio Monteverdi, Sigismondo D'India, Nicola Matteis und Henry Purcell, mit historischen Instrumenten und für Barockstimme restauriert, für elektrisch verstärkte Instrumente und Popstimme transformiert und mit elektronischen Mitteln zerfallend leiten durch den Abend.

 

Es gibt mehrere Unterteilungen in Gruppierungen:

 

  1. barocke Instrumentalmusik (von Nicola Matteis)
  2. barocker Gesang, a capella und mit Instrumenten (von Claudio Monteverdi und Sigismondo D'India)
  3. popbarocker Gesang mit moderner Elektronik und Instrumenten (von Henry Purcell) 
  4. transbarocke Instrumentalmusik (von Nicola Matteis/Arrangements: Etienne Abelin, André Buser, Maurizio Grandinetti)
  5. mit elektronischen Mitteln zerfallende Barockmusik
  6. Texte über die Restaurierung der Sixtinischen Kapelle
  7. Texte über den Wert von Restaurierung im Zusammenhang mit uns als Betrachter
  8. Videobildmaterial der Sixtinischen Kapelle, zerfallend
  9. Musiker mit chorischen Texten
  10. die Vermischung der Elemente in verschiedenen Zeitebenen

 

Bühne:

 

  1. Leerer, offener Raum, in den hinein Film projiziert wird
  2. Darin stehen drei jeweils 3 Meter lange Notenpultinstallationen, die im Verlauf des Abends je nach szenischem Zusammenhang unterschiedlich angeordnet werden.
  3. Nach der Exposition von Film, Musik und Text schiebt sich ein Baugerüst mit vorgehängter Leinwand so in den Raum, dass dieser zweigeteilt wird und ein vor die Baugerüstinstallation gehängtes Tuch die projizierten Bilder nun verkleinert wiedergibt. Es entsteht eine Schichtung des Raums. Musiker spielen auf und hinter dem Gerüst während andere vorne bleiben.